SNSB Pressemitteilung
Jura-Museum Eichstätt

Zähne wie ein Piranha: Ältester fleischreißender Knochenfisch entdeckt

19.10.2018

In der Fachzeitschrift Current Biology stellt heute ein Forscherteam des Jura-Museums Eichstätt, der australischen James Cook University und der Universität Erlangen die Beschreibung einer erstaunlichen neuen Fischart vor, die vor rund 150 Millionen Jahren, zur Zeit der Dinosaurier, das süddeutsche Jurameer bewohnte. Die neue Knochenfischart besaß Zähne wie ein Piranha.

Mikroskopische Untersuchung und CT-Scans der Kiefer des Fossils von Piranhamesodon pinnatomus zeigen lange, spitze Zähne entlang der Außenseite des Vomer (ein Knochen, der das Gaumendach bildet) und an der Spitze von Unter- und Oberkiefer. Die Präartikularknochen, die entlang der Seiten des Unterkiefers liegen, tragen dreieckige Zähne mit gezähnelten Schneidekanten.

Zahnmuster und Zahnform, Kiefermorphologie und Kiefermechanik deuten auf ein Maul hin, das, wie das internationale Forscherteam berichtet, ausgerüstet war, um Fleisch oder Flossen zu schneiden. Indizien deuten auf die Möglichkeit hin, dass sich diese frühen, Piranha-ähnlichen Fische der aggressiven Mimikry bedienten, sich also hinter einem scheinbar harmlosen Äußeren tarnten, um dann umso effektiver anzugreifen; eine erstaunliche Parallele zum Fressverhalten moderner Piranhas.

„Wir waren völlig verblüfft, dass dieser Fisch Piranha-ähnliche Zähne hatte“, sagt Martina Kölbl-Ebert, Leiterin des Jura-Museums Eichstätt. „Er gehört zu einer ausgestorbenen Fischgruppe (den Pycnodontiformes), die für ihre pflasterartigen Knackzähne bekannt sind. Es ist, als würde man auf ein Schaf mit den Reißzähnen eines Wolfes treffen. Was aber noch bemerkenswerter ist: der Fisch stammt aus der Jurazeit. Für Knochenfische ist diese Ernährungsweise damals mehr als ungewöhnlich. Die Fleischfresser unter ihnen knackten normalerweise schalentragende Wirbellose oder schlucken ihre Beute – meist andere Fische – am Stück. Fleischstücke oder Flossen herausbeißen, das ist etwas, das viel später kam.“ – Zumindest schien das bisher so.

„Der neue Fund stellt die älteste Überlieferung eines Knochenfisches dar, der in der Lage war, Stücke aus anderen Fischen herauszubeißen. Und noch etwas ist ungewöhnlich: er tat dies im Meer,“ erläutert David Bellwood von der James Cook University, Australien, und merkt an, dass heutige Piranhas – die allerdings mit der neuen, fossilen Art nicht verwandt sind – alle im Süßwasser leben.

Als weiteres Indiz für den ungewöhnlichen Nahrungserwerb, fanden die Forscher auch die Opfer von Piranhamesodon in denselben Kalksteinablagerungen, im Steinbruch von Ettling (Markt Pförring, Bayern); und zwar andere Fische derselben Lokalität, deren Flossen angebissen wurden.

„Dies ist eine erstaunliche Parallele zu modernen Piranhas, die sich überwiegend nicht vom Fleisch, sondern von den Flossen anderer Fische ernähren. Das ist eine schlaue Sache, denn Flossen wachsen nach; sie sind eine praktische, erneuerbare Nahrungsquelle. Beiß einen Fisch in den Bauch und er ist tot; knabbere an seinen Flossen und du hast auch in Zukunft noch was zu fressen“, erklärt David Bellwood.

Der neubeschriebene Fisch ist seit heute im Jura-Museum auf der Eichstätter Willibaldsburg zu sehen. Er stammt aus denselben Kalksteinablagerungen – den jurazeitlichen Plattenkalken des Solnhofener Archipels – aus denen man auch den berühmten Urvogel Archaeopteryx kennt.

Publikation:
Kölbl-Ebert, Martina; Ebert, Martin; Bellwood, David R. & Schulbert, Christian (2018): A Piranha-like Pycno-dontiform Fish from the Late Jurassic.- Current Biology https://doi.org/10.1016/j.cub.2018.09.013

Autorenkontakt:
PD Dr. Martina Kölbl-Ebert
Jura-Museum Eichstätt
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Telefon: +49-8421-6029825

Dipl.-Geol. Martin Ebert
Jura-Museum Eichstätt
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Telefon: +49-8421-6029827

Bilder:

Bild1 Pycno web
Foto des Fossils im Jura-Museum Eichstätt inkl. Details der furchterregenden Zähne (M. Ebert & Th. Nohl);

 

Lebendrekonstruktion web
Lebendrekonstruktion des neuen Fisches (G. Horsitzky, Jura-Museum Eichstätt): Mit scharfen, spitzen Zähnen ernährte sich der neue Piranha-ähnliche Fisch aus dem Jurameer wahrscheinlich von den Flossen anderer Fische. Wissenschaftler des Jura-Museums Eichstätt entdeckten den fleischreißenden Fisch wie auch seine verletzte Beute in ihrer Forschungsgrabung in Ettling (Markt Pförring, Bayern).

Jura-Museum Eichstätt
Das Jura-Museum Eichstätt ist eines der bedeutendsten paläontologischen Museen in Deutschland. Auf der Willibaldsburg über der Stadt Eichstätt gelegen, beherbergt es eine weltberühmte Sammlung mit Schwerpunkt auf den Fossilien der „Solnhofener Plattenkalke“. Auf 700 Quadratmetern zeigt die Dauerausstellung versteinerte Tiere und Pflanzen der Jura-Zeit und deren ökologische Bedeutung. Darunter sind bedeutende Funde wie eines der wenigen originalen Skelette des „Urvogels“ Archaeopteryx oder der einmalige Dinosaurier Juravenator.
In den Aquarien des Museums können die Besucher „lebende Fossilien“ wie Pfeilschwanzkrebse entdecken, Tierarten die sich seit der Jura-Zeit kaum verändert haben. Das größte lebende tropische Korallenriff Europas vermittelt den Besuchern einen Eindruck der Biodiversität mariner Lebewelten und unterstreicht die Bedeutung von Ökologie und Umweltschutz für unsere heutige Zeit. Neben der Dauerausstellung rücken regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen sehr unterschiedliche Aspekte aus Naturwissenschaften und gesellschaftlichen Themen in den Fokus.
Die naturkundliche Sammlung, die neben den Fossilien auch große botanische und entomologische Bestände hat, wird stetig erweitert und wissenschaftlich bearbeitet. Mit den wissenschaftlichen Grabungen in Schamhaupten und Ettling sowie zahlreichen weiteren Forschungsprojekten ist Eichstätt und sein Museum ein fester Bestandteil der weltweiten aktuellen geowissenschaftlichen Forschung.
Ein umfangreiches museumspädagogisches Angebot macht das Museum zu einem Erlebniszentrum für Jung und Alt und ist nicht zuletzt deshalb ein besonderer außerschulischer Lernort.
Das Jura-Museum Eichstätt ist ein Regionalmuseum der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB). Derzeitiger Träger des Museums ist das Bischöfliche Seminar Eichstätt.
Weitere Informationen sind unter www.jura-museum.de zu finden.

Eckdaten zur Dauerausstellung des Jura-Museum Eichstätt

Öffnungszeiten:
1.10. bis 31.3.: 10:00 - 16:00 Uhr
1.4. bis 30.9.: 9:00 – 18:00 Uhr
Montags, 24.12.; 25.12.; 31.12.; 1.1. geschlossen
Eintritt: Mit regulärer Eintrittskarte (gilt für Willibaldsburg, Jura-Museum Eichstätt, Museum für Ur- und Frühgeschichte, Sonderausstellungen zusammen) 4,50€, ermäßigt 3,50€;
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 17. Lebensjahr in Begleitung Erwachsener frei

Ort:
Jura-Museum Eichstätt
Willibaldsburg
Burgstraße 19, 85072 Eichstätt
Tel.: 08421/602980
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Web-Adresse: www.jura-museum.de

intranet-anmeldung

intranet-anmeldung

BIOTOPIA - Naturkundemuseum Bayern

BIOTOPIA Logo Description WHITE